Hauberg in Flammersbach

Beim Lohschälen

Haubergswirtschaft

Seit altersher gingen die Flammersbacher neben Ihrem Beruf auch dem Nebenerwerb, der Landwirtschaft, nach. Im Frühjahr wurde der Hauberg bearbeitet, wo früher auch noch Loh geschält wurde. Mühselig wurde mit dem Beil das Holz gehauen. Von dünnen Ästen wurden Schanzen gebunden (für`s Brotbacken) und das feine Birkenreisig wurde zu Besen verarbeitet. In den letzten Jahren lebte die Haubergsarbeit - hervorgerufen durch die Öl- und Energiekrise - wieder auf.

 

Verdiente Kaffeepause im Hauberg

Wie ich Monika den Hauberg erklärte

Von Ulli Weber

Hätten Sie vermutet, dass der Begriff "Hauberg" im Internet über dreißigtausend Mal zu finden ist? Unglaublich: Dreißigtausend Mal! Dabei gibt es einen Hauberg in seiner typischen Form nur im Siegerland und einigen angrenzenden Regionen wie dem nordöstlichen Teil des Landkreises Altenkirchen und in elf Gemeinden im benachbarten Dill Roßbach- und Dietzhölztal. Eigentlich sollte man davon ausgehen, dass in dem genannten Gebiet alle jüngeren und älteren Einwohner über diese
typische Form der Waldbewirtschaftung
zumindest ein wenig Kenntnis haben. Doch: Pustekuchen! Deutlich wurde mir die Unwissenheit selbst in ansonsten "gut informierten Kreisen" vor etlichen Jahren, als ich mit meiner Laufpartnerin Monika einen Waldlauf absolvierte. Wir näherten uns einem Waldstück in Anzhausen und hörten schon von weitem die Motorsagen knattern als Monika, ein Mädchen aus der Großstadt Siegen und als Lehrerin am Gymnasium tätig, dann einen beinahe vollendeten Kahlschlag erblickte, flippte sie förmlich aus: "Schau dir das an! Das ist doch ungeheuerlich! Die fällen hier alle Bäume, ich rufe die Polizei!" Ich versuchte ihr - leicht amüsiert - zu erklären, dass die Tätigkeit der Männer mit den Kettensägen ein ganz normaler und jährlich wiederkehrender Vorgang sei, der sich Haubergsarbeit nenne. Doch ihr ökologisches Gewissen war an diesem Tag nicht mehr zu besänftigen und ihre Beweisführung gipfelte in der Behauptung: "Das hier ist doch vergleichbar mit dem Abholzen des Regenwaldes." Oh Monika, deine Argumente waren unschlagbar, dein Eifer war beachtlich und deine Unwissenheit
ebenfalls. An diesem Tag gelang es mir jedenfalls nicht, dich in die Geheimnisse der Haubergswirtschaft einzuführen.Ein paar Tage später hatte sie sich immerhin soweit beruhigt, dass ich ihr bei unserer nächsten Trainingseinheit das System in groben Umrissen erklären konnte: "Bei uns gehört der Wald innerhalb der Gemeindegrenze Privatpersonen. Fast alle Besitzer sind Einwohner des Ortes." Monika unterbrach mich mit der Frage: "Bei wem haben sie den Wald gekauft?" "Vor knapp 300 Jahren wurden die schon viel früher bestehenden Hauberge in genossenschaftliche Gesamteigentum überführt. Damals bekamen alle Grundbesitzer des Ortes einen Anteil am Hauberg, der ihrem Besitz entsprach. Im Laufe der Zeit wurden diese ehemals großen Anteile immer weiter vererbt und dabei manchmal auch in kleinere Anteile geteilt. Anteile sind grundbuchamtlich eingetragen und können daher auch wie ein Grundstück verkauft werden. Alle Anteilseigner gehören zur Haubergsgenossenschaft, die inzwischen Waldgenossenschaft genannt wird. "Dann kann ja jeder Anteilseigner Bäume fallen wo er gerade will", meinte Monika. "Genau das kann er nicht. Der einzelne Waldbesitzer hat nur Anteilsrechte - ihm gehört nicht eine abgesteckte Fläche des Waldes. Alle Eigner sind gemeinschaftliche Eigentümer und legen in der jährlich stattfindenden Haubergsversammlung daher auch gemeinsam fest wo der Wald geschlagen wird. Das war in früheren Jahren gar kein Problem, denn stets fällte man den ältesten Baumbestand. Meistens war der vorzugsweise aus Eichen und Birken bestehende
Hauberg in 18 Teile aufgeteilt,
von denen in jedem Jahr der am längsten gewachsene Teil mit den naturgemäß dicksten Bäumen abgeholzt wurde." "Warum nimmt man zum Abholzen nicht Fichten? Davon stehen doch hier auch jede Menge herum", fand Monika. "Es liegt daran, dass Birken und Eichen zu den Baumarten gehören, die nach dem Abholzen aus den verbleibenden Reststöcken wieder ausschlagen können. Das kann die Fichte nicht. Der Siegerländer Wald bestand ursprünglich vorwiegend aus Buchen, veränderte sich jedoch wegen der nicht so guten Regenerationsfähigkeit dieser Baumart zu einem Eichen-Birken-Wald. Nach dem Fällen ganz dicht über dem Boden schlagen die Bäume wieder aus, wachsen zu mehr als armdicken Stangen und werden nach 18 Jahren abermals gefällt. Danach beginnt der Zyklus wieder von vorne. Monika hatte es begriffen: "Das heißt ja, dass jährlich eigentlich nicht mehr abgeholzt wird als in einem Jahr wieder nachwächst "Das ist ganz genau das Prinzip", bestätigte ich und ergänzte: "Grob gesagt gibt es innerhalb unseres Waldes immer nur fünf Prozent Kahlschlag, fünf Prozent sind nach einem Jahr bereits schon wieder am wachsen. Und die fünf Prozent, die seit 18 Jahren und damit am längsten gewachsen sind, werden als nächste wieder geschlagen." Und zum Schluss zog ich den höchsten Trumpf- "Deine Aufregung vor ein paar Tagen war aus noch einem Grund völlig fehl am Platze. Vor allem dank der über Jahrhunderte praktizierten Haubergswirtschaft ist der Kreis Siegen-Wittgenstein, in den 64 Prozent der Gesamtfläche forstwirtschaftlich genutzt werden,
der waldreichste Kreis
in der gesamten Bundesrepublik Deutschland. Gleichzeitig ist unsere Region einer der landschaftlich schönsten und ökologisch intaktesten Lebensräume geblieben." Vieles von dem was ich Monika erklärte gehört zu einem Zustand, der heute Geschichte ist. in seiner ursprünglichen Form diente der Hauberg neben der Erlangung von Brennmaterial vor allem zur Gewinnung des Rohstoffs für die Holzkohle. Nachdem die Köhler diese in ihren Mailern hergestellt hatten, wurden die zur Eisengewinnung verwendeten Rennöfen hiermit befeuert. Außerdem wurde im Hauberg Korn geerntet und er diente als Viehweide. Später kam mit dem Schälen der Eichenrinde und dem Verkauf derselben als Eichenlohe (die man in der Gerberei zu "Lohmehl" zerkleinerte und aus der Gerbstoff für die Lederverarbeitung gewonnen wurde) eine wichtige Einnahmequelle hinzu. Ab 1860 wurde mit der Umstellung der Eisenverhüttung auf Steinkohle und Koks und später nach der Einführung von chemischen Gerbmitteln, wegen der die Preise für die Lohe enorm sanken, die Haubergswirtschaft
in ihren Grundfesten erschüttert.
Alle Arbeiten wurden zwar zunächst noch wie zuvor getätigt, doch der Anteil der haubergsmäßig genutzten Fläche sank bis 1925 auf unter ein Drittel, nachdem er zuvor etwa die Hälfte betrug. Das Holz wurde fast nur noch dem häuslichen Eigenverbrauch zugeführt. Und was zuvor undenkbar war: Viele Haubergswaldungen wurden um diese Zeit urbar gemacht und als Ackerland oder Siedlungsraum genutzt. Auch das Bepflanzen mit Nadelhölzern, was zuvor trotz aller Überredungskünste von preußischen Forstbeamten im Siegerland auf enormen Widerstand stieß, kam immer mehr in Mode. Ein Jahrzehnt nach dem Ende des 2. Weltkriegs wurde auch die Gewinnung von Brennholz als einem der letzten Zweige der Haubergsnutzung immer mehr eingestellt. Das Heizen mit Öl und Gas war ja viel bequemer. Inzwischen sind es nur noch wenige unter den insgesamt 76 Flammersbacher Haubergsgenossen bzw. Erbengemeinschaften, die alljährlich im Frühling zumindest einen Teil von der 175 ha großen Gesamtwaldfläche absägen. So bearbeiteten im Flammersbacher Hauberg im Jahre 2004 beispielsweise noch 10 Waldgenossen 4 Anteile (von insgesamt ), die ihnen nach der Teilung der Fläche traditionell zugelost wurden. Mit diesem Umfang
würde man rechnerisch mehr als Jahre benötigen, -um das gesamte Gebiet einmal abzuholzen. Da der 18-Jahre-Zyklus folglich bei weitem nicht mehr einzuhalten ist, muss in jedem Jahr neu überlegt werden, ob auf der abgeholzten Fläche Fichten, Buchen oder andere Gehölze gepflanzt werden. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, ein Gelände von minderwertigerem Holz zu säubern (auszuräumen) und die
besten Stangen zu einem Hochwald
wachsen zu lassen. Dies geschah bislang bei etwa 20 Prozent der Haubergsfläche, während etwa die Hälfte mit Nadelgehölz bewachsen ist (ein Wert, der im Siegerland an der unteren Grenze liegt). Die restliche Fläche ist teilweise bereits seit 40 oder 50 Jahren nicht mehr abgeholzt worden. Die Fähigkeit zum Ausschlagen ist bei derart alten Stämmen enorm eingeschränkt. Somit ist einstweilen die traditionelle Haubergsnutzung praktisch ausgeschlossen. Auch die Hersteller von Naturholz Gartenmöbeln im benachbarten Dillkreis, denen aus dem Siegerland ein Teil ihres Rohstoffs zugeführt wird, legen auf zu dickes Eichen-Stammholz wenig Wert.

Die einmal im Jahr stattfindende Haubergsversammlung ist trotz aller Widrigkeiten stets sehr gut besucht. Bei Abstimmungen hat jeder Waldgenosse so viele Stimmen wie er Anteile hat. Die Versammlung wird vom Waldvorsteher geleitet. Dies ist in Flammersbach Hermann Schaefer, der das Amt seit 1964 bekleidet. Ihm zur Seite stehen zwei Beisitzer als weitere Vorstandsmitglieder. Die Amtszeit beträgt sechs Jahre. Außerdem werden ein Rechner sowie zwei Rechnungsprüfer gewählt. In früheren Zeiten wurde auch noch ein "Haubergsschütz"
gewählt, um den Wald vor Frevlern zu schützen. Diese Aufgabe übernimmt inzwischen dank eines entsprechenden Vertrags der Förster. Auch die Jagdpächter und ihre Aufseher halten - in eigenem Interesse - die Augen auf schon seit mehr als 100 Jahren wird in Flammersbach die Jagd verpachtet. Die hieraus erzielte Pacht ist eine der Haupteinnahmequellen der Waldgenossenschaft. Diese sieht gemeinsam mit der Angliederungsgenossenschaft (früher Jagdgenossenschaft genannt) eine wichtige Aufgabe darin, die Waldwege rund um Flammersbach auszubauen. Dies geschieht natürlich in erster Linie, um eine einwandfreie Holzabfuhr zu gewährleisten. Doch auch so mancher
Spaziergänger durfte sich über die gut befestigten Wege freuen.
Vieles ist verschwunden
was für unsere Vorfahren noch selbstverständlich war Ein Beitrag von Eduard Schneider-Davids im Siegerländer Heimatkalender 1967 endete so: Nun ist alles aus und vorbei. Die Gruben liegen still, Hütten und Puddelwerke sind dem Erdboden gleichgemacht und auch das Haubergsleben wird bald im Meer der Vergangenheit und der Vergessenheit versunken sein.
Doch - wer weiß?! Gerade derzeit sind die Preise für Öl und Gas - beides Energieträger, die keineswegs unendlich lange vorrätig sein werden - auf eine Hohe gestiegen, die manch einen zum Überlegen bringen, unendlich lange vorrätig sein werden - auf eine Höhe gestiegen, die mach einen zum Überlegen bringen,
ob das Heizen mit Holz nicht doch langfristig eine günstigere Alternative sein könnte. Aufgrund der starken Besitzsplitterung ist freilich kaum anzunehmen, dass jeder Anteilseigner bei einer umfassenden Rückkehr zur Haubergsarbeit tatsächlich seinen gesamten Brennholzbedarf in unserem Hauberg decken kann.

Autor: Ulli Weber








 

Flomerschdorfer Hähzaiche - 1

Flomerschdorfer Hähzaiche - 2

Alte und heute gebräuchliche "Hähzaiche" (Hauberszeichen), die man mit dem Knipp in das "Moal" (Markierungsstab)
einkerbt, zum Teil mit überlieferten Hausnamen und heutigen Familiennamen.